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Stand: 13.02.2019

Seelische Gesundheit

Ein Interview

Leben mit psychischer Erkrankung

Sarah Daucher/Miriam Mudrack: Was möchten Sie den Leser*innen des Interviews über Ihre eigene Geschichte berichten?
Diana Janz:
Ich habe es geschafft, 40 Jahre alt zu werden. Das ist bei meiner Lebensgeschichte, den erlebten Traumata, der Drogensucht und dem übersteigerten Alkoholkonsum in der Jugend und den daraus entstanden psychischen Erkrankungen eine hervorragende Leistung. Im Laufe meines Lebens hatte ich drei Suizidversuche, die durchaus ernst gemeint waren. Die Hilflosigkeit, das Gelähmt-Sein, die tiefe Trauer und der Wunsch danach, dass dieses Chaos endlich mal ein Ende findet, hat zu den Versuchen geführt. Mein Leben bestand daraus, krank zu sein, nicht "normal" zu sein. Was ist normal und wer gibt die Norm vor? Ich darf definieren was Normal für mich bedeutet. Mit neun Jahren die erste Therapie, es folgten Klinikaufenthalte mit 18, 23, 31, 33 und 35 Jahren. Ich bin also therapieerfahren, auch durch jahrelange ambulante Psychotherapie. Doch erst im Ex-In-Kurs habe ich verstanden, dass meine Erkrankung nicht nur eine Belastung ist, sondern auch eine Qualifikation, dass ich durch meine Krankheit Fähigkeiten entwickelt habe, die mir in meinem Leben nützlich sind und mir ermöglichen, dass ich als Genesungsbegleiterin arbeiten kann. Meine Krankheit führt nun dazu, dass ich als Expertin gefragt bin. Total normal!

Was bedeutet Ex-In-Genesungsbegleiter*in?
Ex-In ist die englische Abkürzung für "Experienced Involvement" und bedeutet die Beteiligung und Einbeziehung Psychiatrieerfahrener im allgemeinen Versorgungssystem für psychisch kranke Menschen. Es ist eine Qualifizierungsmaßnahme für diejenigen, die selbst in psychiatrischer Behandlung waren oder sind. Nach dem Erhalt dieser Qualifikation kann als Genesungsbegleiter*in - je nach Belastbarkeit - im vorhandenen Betreuungssystem ergänzend gearbeitet werden. Wir Ex-In-Genesungsbegleiter*innen sind alle selbst von unterschiedlichen psychischen Erkrankungen betroffen und haben somit einen anderen Arbeitsansatz als die Fachleute in unserem Betreuungssystem. Das Modell entstand 2005 und basiert auf der Überzeugung, dass Menschen, die psychisch erkrankt sind, ihre persönlichen Erfahrungen nutzen können, um andere Menschen in ähnlichen Situationen zu verstehen, diese zu unterstützen und sie auf ihrem persönlichen Genesungsweg zu begleiten. Viele Jahre habe ich versucht, einen für mich geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Daran bin ich ständig gescheitert, weil ich Leistungen von mir verlangt habe, die ich nicht bringen kann, weil ich mich und meine Erkrankung immer verstecken musste. Und dann immer dieses Gefühl, versagt zu haben. Das war ein Teufelskreis. Diese Qualifikation bedeutet, dass ich meinen Arbeitsplatz nach Absprache mit meinem Arbeitgeber weitestgehend selbst gestalte, mich integriere und eine sinnvolle Aufgabe habe. Es geht mir nicht darum, jemanden im Versorgungssystem zu ersetzen; es geht mir darum, zu kooperieren, mich gut zu vernetzen, zu dolmetschen, zu lernen und auch zu lehren. Es ist mein Ziel, den Betroffenen-Ansatz in die Profiarbeit mit einfließen zu lassen.

Wie stehen Sie zu dieser beruflichen Möglichkeit?
Ich persönlich bin unglaublich dankbar für diese Chance, mich beruflich integrieren zu können. Eine wichtige Aufgabe zu haben, berufliche sowie soziale Inklusion leben zu können. Mir ist es wichtig, ein hoffnungsvolles Beispiel für Betroffene zu sein. Ich habe meine Erkrankung bisher als störend, belastend und einschränkend empfunden, wie vermutlich viele Betroffene. Für diese Ausbildung und die damit verbundene Tätigkeit ist eine psychische Erkrankung allerdings die Voraussetzung, und somit sehe ich meine Erkrankung und meine Erfahrung damit nun als Qualifikation und als eine besondere Fähigkeit. Wir Betroffenen sind nicht nur krank, und ganz besonders sind wir nicht über unsere Diagnose zu identifizieren. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Fähigkeiten von uns Betroffenen sichtbar zu machen, um diese dann für die Versorgung psychisch kranker Menschen zu nutzen. Ich schaffe mir eine selbstbestimmte Arbeits- und Wochen-Struktur, indem ich mir sowohl die Arbeitstage als auch die Zeiten selbst einteile. Meine arbeitgebende Einrichtung stellt mir Flexibilität zur Verfügung. Ich übernehme Verantwortung, kann lernen, planen, organisieren, mich austauschen und lehren. Das Schönste ist, dass ich mich durch meine Arbeit stetig weiterentwickele. Bei meiner Arbeit kann ich als Dolmetscherin fungieren, vom Profi zum Betroffenen und anders herum auch von Fachprofi zu Genesungsprofi. Ich kann Aufklärungsarbeit leisten. Es motiviert mich, dass ich finanziell unabhängiger bin. Und Lernen und Beibringen sind so schöne Aufgaben.

Welche Methoden können Sie zum Beispiel anwenden?
Ich möchte auf das Gesunde im Menschen schauen und dieses fördern. Zeigen, dass Menschen aufgrund ihrer Erkrankung Fähigkeiten entwickeln können, die hilfreich und wertvoll sind. Wir sind nicht nur krank. In meiner Tätigkeit als Genesungsbegleiterin geht es darum, die Entstehung der Gesundung mit den Betroffenen zu erarbeiten und sichtbar zu machen. Diese zu fördern und die Selbstbefähigung anzuregen. Ein*e Ex-Inler*in arbeitet vorrangig nach dem Recovery-Modell. Das bedeutet, dass Hoffnung Sinn macht. Recovery bedeutet aus dem Englischen übersetzt so viel wie: Gesundung, Wiederherstellung, Erholung oder auch Besserung. Recovery führt zu meinem ganz persönlichen Veränderungsprozess, meiner individuellen Entwicklung und meinem Erreichen von Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit und dem Erlangen meiner Eigenständigkeit. Genesung gelingt nicht linear und auch nicht auf die Schnelle. Genesung braucht Zeit, Geduld, Disziplin und den absoluten Wunsch, Verbesserung zu erreichen. Raus aus der erlernten Hilflosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und der Abhängigkeit. Es geht darum. ein selbstbestimmtes Leben führen zu können - trotz oder gerade wegen einer Erkrankung. Gesundung bedeutet für mich persönlich nicht, dass ich frei von Krankheit und Symptomen bin. Gesundung bedeutet für mich, mit dem, was mir gegeben wurde, gut leben zu können und das Beste aus meiner Erkrankung zu machen. Es ist utopisch zu denken, dass ich gesund werde im klassischen Verständnis. Meine Erkrankung ist ein Teil meines Lebens, meines Seins und meiner Persönlichkeit. Durch sie bin ich wer ich bin und damit bin ich sehr zufrieden.

Was motiviert Sie denn dazu, diese Ausbildung zu machen und was möchten Sie damit erreichen?

Es motiviert mich zum Beispiel, dass ich finanziell unabhängiger bin, dass ich meine Eigenständigkeit fördern kann und, dass ich nicht länger isoliert lebe. Lernen und Beibringen sind so schöne Aufgaben. Ich bin neugierig auf meine weitere Entwicklung im Arbeitsleben. Ich freue mich so sehr auf Menschen, die sich weiterentwickeln, mutig und selbstsicher werden und sich schätzen lernen. Ich darf sie ein Stück des Weges begleiten. Auch bin ich gespannt auf Menschen, die bleiben wollen, was sie sind. Die Arbeit aus der Sicht der Profis ist für mich super spannend. Ich weiß, wie es ist, die Betreute zu sein. Wie betreue ich? Das möchte ich gerne lernen. Ich möchte auf das Gesunde im Menschen schauen und dieses fördern. Zeigen, dass Menschen aufgrund ihrer Erkrankung Fähigkeiten entwickeln können, die hilfreich und wertvollsind. Wir sind nicht nur krank. Es geht darum, seine Krankheit verstehen zu lernen. Zu lernen, damit umzugehen. Was kann das für mich bedeuten, was kann ich für mich Positives daraus nehmen? Zudem hoffe ich, durch meinen Einsatz als Genesungsbegleiterin in einem bestehenden Team im Versorgungssystem eine bessere Kommunikation zwischen Klient*in und Fachkraft stattfinden zu lassen. Mein Arbeitsansatz ist ein ganz anderer. Es wäre schön, wenn ich eine Art Dolmetscherin werde.

Was genau ist der Unterschied zur "normalen" Fachkraft?
Ganz klar die Peer-Beratung. Menschen sind individuell und auch psychische Erkrankung sind so individuell wie der Mensch, der sie hat. Diese Erkenntnis wird in der Peer-Beratung aufgegriffen. Ich denke, es fällt so leichter, Vertrauen aufzubauen. Das habe ich auch für mich gemerkt, als ich mit anderen Kursteilnehmenden über Diagnosen und den individuellen Verlauf gesprochen habe. Das Verstehen fällt leichter, jeder bleibt bei sich und seiner Art, die Diagnose zu erleben. Ich habe mich mit anderen Betroffenen ausgetauscht und aus meinem persönlichen "Ich-Wissen" ein umfangreiches "Wir-Wissen" erarbeiten können.

Sehen Sie Änderungsbedarf im Versorgungssystem? Wenn ja, wo?
Die Wege, die gebraucht werden, um sich im Versorgungssystem Hilfe zu holen, sind für Betroffene meist zu lang und umständlich - sowohl zeitlich als auch auf die Entfernungen bezogen. Es ist unvermeidlich, diese zu kürzen. Es gibt zu wenig psychotherapeutisches und psychiatrisches Fachpersonal. Viele Hilfesuchende sind - aus unterschiedlichen Gründen - nicht mobil und können so schwer weitere Wege ins Umland zurücklegen. Wenn eine Krise bevorsteht oder sogar akut besteht, schaffen es viele oft nicht, den Mut und die Disziplin aufzubringen, um lange nach einer Fachkraft zu suchen. Die Wartezeiten, bis ein Termin frei ist, können heutzutage oft sechs bis acht Monate oder noch länger betragen. Es ist für Betroffene - wenn diese schon einsehen, dass sie Hilfe brauchen - unzumutbar, bis zum Beginn einer Therapie einen so langen Weg gehen zu müssen. Der Bedarf besteht, wird aber viel zu häufig übersehen. Psychische Störungen sind meist nicht sichtbar und gelten somit oft als "grippös" oder "krebsisch". Im Versorgungssystem für psychisch Kranke gibt es immer noch viel zu große Lücken. Die Einrichtungen, die sich um Menschen wie mich kümmern, brauchen kürzere Wege, das Personal muss aufgestockt werden. Denn auch Fachmenschen kommen an ihre Grenzen. Emotional und zeitlich ist der Druck hoch.

Wo sehen Sie die Grenzen ihrer Tätigkeit?
Es braucht eine Führungskraft, die flexibel ist und bereit ist, um die Ecke zu denken. Transparenz auf beiden Seiten ist notwendig. Ich denke, dass eine gute Selbstkenntnis und eine Führungskraft von Nöten sind, die - so wie man selbst - sehr flexibel mit diesem Konzept umgeht. Jemand, der bereit ist, sich mit einem weiterzuentwickeln. Eine Grenze spüre ich, wenn Fachkräfte kein Interesse am Betroffenenansatz in ihrer Arbeit haben. Es soll nicht die Angst davor entstehen, dass ich jemandem eine Stelle wegnehmen möchte. Noch mal ganz deutlich: Ich sehe mich als Ergänzung und will den Betroffenenansatz mit einfließen lassen. Voraussetzung für ein gutes Gelingen in der Zusammenarbeit von Profi und Genesungsbegleiter*innen ist der Wunsch, ergänzend zusammenzuarbeiten. Eine weitere Grenze erkenne ich in meiner Belastbarkeit und dem fehlenden Fachwissen, den Berufserfahrungen und Befugnissen. Das heißt, dass ich ständig auf eine gute Zusammenarbeit im Team angewiesen bin. Auch habe ich erlebt, dass ich in einer Beratung "getriggert" wurde. Das bedeutet, dass ich mich nicht abgrenzen konnte und mein Erlebtes wieder durchlebt habe, was zu immensem Stress geführt hat. Wenn das passiert, brauche ich zuverlässige Kolleg*innen, die mir dann weiterhelfen und/oder Klienten übernehmen. Druck stellt weiterhin für mich eine Grenze dar. Ich habe Druck erfahren von Angehörigen einer hilfesuchenden Person. Dann mussich klar formulieren, welche Struktur einzuhalten ist, und als Unterstützung eine Fachkraft hinzuziehen. In der Fortbildung für Fachkräfte sehe ich mich nicht. Ich konzentriere mich auf die Weiterbildung im Ex-In-Fachbereich. Damit kann ich mich identifizieren. Das ist mein Beruf.

Wie schaffen Sie es nun, trotz Ihrer eigenen Betroffenheit, diese Arbeit zu machen?
Diese Frage bringt mich sehr zum Nachdenken. Zunächst mal sehe ich den Bedarf an Unterstützung. Es ist absolut sinnvoll, den Ex-In-Ansatz in die Versorgung von psychisch kranken Menschen mit einfließen zu lassen - ein besseres Verstehen zu schaffen. Ich fühle mich sicher im Umgang mit Menschen, die psychisch krank sind. Sie machen mir keine Angst, es schockt mich nicht, dass es uns gibt. Ich finde es nicht ungewöhnlich, dass Menschen psychisch erkranken können und dann Hilfe brauchen. Ich möchte, dass es den Menschen gut geht, dass sie wieder Hoffnung haben und eine Perspektive. Ich verstehe emotionale Zustände und das daraus resultierende Verhalten und ich wünsche mir, dass die Menschen in mir jemanden finden, der bei ihnen ist und bleibt, dass Vertrauen aufgebaut wird und wir Zeit haben, solange es braucht, bis der Weg der Genesung erkennbar und Stabilität erreicht ist. Ich blühe auf, wachse an meinen Aufgaben, bin neugierig und motiviert. Ex-In-Genesungsbegleitung ist eine wertschätzende Arbeit, die mich erfüllt, und ich bin dankbar für einen Arbeitsplatz im geschützten Rahmen. Alle haben die Chance, mit ihrer Erkrankung gut leben zu können und Inklusion zu erleben. Ich möchte, dass wir als Betroffene über unsere Erkrankung hinaus träumen und planen können. Das habe ich gemacht und somit meinen individuellen und ganz normalen Platz in der Gesellschaft gefunden.

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